Presseberichte vom 06.10.2000
- Panne bei Überwachung: Plötzlich waren die Posten weg [mehr]
- Parteien: Jüdische Mitbürger müssen bleiben
SPD und CDU/CSU setzen sich für jüdische Gemeinden ein [mehr] - Zwei Tage nach dem Brandanschlag
Jüdische Gemeinden zwischen Angst und Alltag [mehr] - Keine Spur von den Tätern
Mangelte es am Polizeischutz? [mehr] - Vorwürfe mangelnder Polizei-Präsenz ausgeräumt
Jüdische Gemeinde und Polizei wieder auf einer Linie [mehr] - Spiegel: Aufbau jüdischer Gemeinden war richtig [mehr]
- Anschlag auf Synagoge: Schutz für Menschen und Haus verbessern [mehr]
- Anschlag auf Synagoge: "Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat" [mehr]
- Anschlag auf Berliner Synagoge [mehr]
Plötzlich waren die Posten weg
Kaum waren laut neuem Sicherheitskonzept zwischen Polizei und jüdischer Gemeinde ständig präsente Doppelposten vor der Synagoge vereinbart, da gab es schon die erste Panne: Die beiden Beamten, die gestern vor der Synagoge wachten, verschwanden mittags gegen 13.30 Uhr für eine halbe Stunde - ohne Ablösung. Die Polizei bestätigt den Vorfall.
Juan Strauss, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, hatte das Präsidium vom Fehlen der Beamten unterrichtet. "Es hat sich um ein Missverständnis innerhalb der Polizei gehandelt", wurde Strauss erklärt.
Unterdessen geht die Suche nach den Urhebern des Brandanschlages auf die Synagoge weiter. Gestern durchsuchten etwa 20 Polizisten den Kolpingpark, in der Nähe des jüdischen Gemeindehauses an der Mauerstraße gelegen. "Die haben einen blauen Kanister gefunden", hat ein Anwohner beobachtet. Die Polizei bestätigte die Durchsuchung, nicht aber den Fund: "Es liegen keine Ergebnisse vor", so Polizeisprecher Döneke. Die Sprecherin der Generalbundesanwaltschaft, Frauke-Katrin Scheuten, erklärt zum Stand der Ermittlungen, es gebe "nichts Neues mitzuteilen".
Polizei und Landesregierung geraten wegen des offensichtlich mangelhaften Sicherheitskonzeptes für die jüdische Gemeinde zum Tag der Deutschen Einheit jetzt verschärft in die Kritik der Landtagsopposition (dazu mehr im überregionalen Teil dieser Ausgabe).
Die Polizei selbst weist jede Schuldzuweisung zurück: "Es ist kein Fehler gemacht worden", sagt Polizeisprecher Lothar Sprick. Es habe vor dem Attentat keinen Anhaltspunkt für eine besondere Bedrohung gegeben. Insbesondere sei der Gemeinde eine gewünschte 24-Stunden-Präsenz der Polizei vor Ort nie mit dem Hinweis auf Personalmangel verweigert worden. Nach einem klärenden Gespräch mit der Polizei relativiert auch Esra Cohn als Vorsitzender der Gemeinde seine Vorwürfe vom Tag nach der Tat: "Wir hätten gern mehr Schutz gewollt; das ist aber unser subjektives Sicherheitsbedürfnis."Kati Lösch, Mutter einer Vierjährigen, die den Kindergarten in der Synagoge besucht, berichtet, dass viele vor allem der russischen Eltern nach dem Attentat "durcheinander und verwirrt" seien. Es gebe auch Bedenken hinsichtlich der Sicherheit des Kindergartens. Cohn versprach gestern, die Schutzvorrichtungen zu verbessern.
Zu einer Mahnwache vor der Synagoge hatte der Düsseldorfer Appell aufgerufen. Neben etwa 200 Bürgern erschienen Kommunalpolitiker aller Ratsfraktionen.
Von Thomas Finkemeier
Quelle: NRZ Online
Die Polizei war nicht auf Posten
Düsseldorf (RP). Panne bei der angeblich verschärften Überwachung der Synagoge: Obwohl die Polizei nach dem missglückten Brandanschlag permanente Bewachung zugesichert hatte, gab es gestern Mittag eine Lücke im Sicherheitssystem: Als der diensthabende Doppelposten kurz nach 13 Uhr abzog, dauerte es über eine halbe Stunde, bis die Ablösung auftauchte. Ein Polizeisprecher, dazu am Donnerstag Abend um Stellungnahme gebeten, reagierte hörbar zerknirscht: Man versuche gerade zu klären, wie es dazu kommen konnte.
Nach dem Anschlag auf die jüdische Synagoge an der Zietenstraße hatte der Vorsitzende der Gemeinde, Esra Cohn, die Polizei hart kritisiert, weil sie angeblich nicht ausreichenden Schutz gewährte. Gestern, nach einer gemeinsamen Sitzung, ruderte er wieder zurück: Er sei falsch verstanden, nicht korrekt zitiert worden. Es sei keinesfalls so, dass man umfassenden Schutz wegen Personalmangels abgelehnt habe, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.
Dennoch: Seit dem Anschlag soll es den Schutz, den Esra Cohn so angeblich nicht verlangt hat, geben - nämlich rund um die Uhr. Ein Doppelposten soll ab sofort permanent vor der Synagoge stehen, auch in der Nacht. Dafür gab es nun eine juristische Einschätzung der Tat. Während Presse-Staatsanwalt Johannes Mocken wenige Stunden nach dem Anschlag (drei Molotow-Cocktails) noch rätselte, ob man hier von einer versuchten Brandstiftung reden könne, wird das Werfen mit den Brandsätzen inzwischen als Versuch einer schweren Brandstiftung gewertet. Eine Spur gibt es allerdings noch nicht.
Es gibt allerdings andere Reaktionen: Bei der jüdischen Gemeinde sind Briefe entsetzter Bürger eingegangen. Die Konfliktberatung der Polizei will vom 3. bis 5. November eine Aktion "Zivilcourage gegen Rechts" starten, zwei Künstler rufen für Freitag Abend, 20 Uhr, zu einer Lichterkette vor der Synagoge auf. In ihrem Fax steht aber auch der Satz: "Aus Sicherheitsgründen bitte ich darum . . . Familiennamen nicht zu nennen".
Quelle: Düsseldorf Today
Parteien: Jüdische Mitbürger müssen bleiben
SPD und CDU/CSU setzen sich für jüdische Gemeinden ein
Berlin (dpa). SPD und CDU/CSU haben sich mit Nachdruck für die jüdischen Mitbürger eingesetzt. Es wäre eine Tragödie, wenn sich die jüdischen Gemeinden als Reaktion auf die rechtsextremistischen Anschläge zurückzögen, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD- Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, am Donnerstag der dpa. "Das wäre der Triumph der Antisemiten und der Nazis", betonte er in einem dpa-Gespräch. "Jeder jüdische Mitbürger muss genauso angstfrei in Deutschland leben können wie jeder andere, der in Deutschland zu Hause ist."
Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach, sagte, wenn Juden Deutschland wieder verließen, "dann hätten die gewonnen, denen man keinen Millimeter nachgeben darf". Die Frage, ob Deutschland nach dem Holocaust Heimat der Juden sein könne, "kann man nur mit Ja beantworten. Denn sonst hätten ja die gesiegt, die wir besiegen wollen".
Bosbach und Wiefelspütz reagierten auf Äußerungen des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel. Dieser hatte unter dem Eindruck des Anschlags auf die Düsseldorfer Synagoge gesagt: "Was muss, was kann, was darf noch passieren, damit wir nicht eines Tages zu der Überlegung kommen, war es richtig, hier wieder jüdische Gemeinden aufzubauen.
"Wiefelspütz zeigte sich eher zuversichtlich, dass sich die Gesellschaft gegen die rechtsextremistische Herausforderung aufbäumen wird. Die Täter müssten mit aller Schärfe bekämpft werden. Dies sei aber auch eine Aufgabe aller gesellschaftlichen Gruppen. "Rechtsextremismus und Antisemitismus sind leider in Teilen unserer Gesellschaft Alltagskultur geworden und deswegen kann dies auch nur beseitigt werden durch die Gesellschaft selber. Das darf man nicht allein der Polizei und der Justiz überlassen", sagte Wiefelspütz und forderte, "die Unkultur des Wegsehens" zu überwinden.
Bosbach forderte als konkrete Maßnahmen neben einer Videoüberwachung gefährdeter Plätze wie KZ-Gedenkstätten, jüdischer Friedhöfe und Synagogen auch eine optisch sichtbare Polizeipräsenz. An diesen Plätzen müssten auch zivile "unsichtbare" Wachen eingesetzt werden.
Quelle: Düsseldorf Today
Zwei Tage nach dem Brandanschlag
Jüdische Gemeinden zwischen Angst und Alltag
Düsseldorf (dpa/lnw). Zwei Tage nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge ist scheinbar ein Stück Alltag in die jüdische Gemeinde der Stadt zurückgekehrt: Eltern holen ihre Söhne und Töchter vom Kindergarten ab, Familien treffen sich im Vorraum des Gemeindehauses. Aber die rege Betriebsamkeit spiegelt nur oberflächlich Normalität wider: In den Gesichtern der Menschen ist die Anspannung und Angst ablesbar.
Auch in der Nachbarschaft sind die Sorgen größer denn je. Einige befürchten, dass sich in der Straße ein Unruheherd bildet. "Hoffentlich kommen keine Skin-Heads hierher", sagt eine Nachbarin.
In einem Gespräch zwischen Gemeindevertretern, der Polizei und dem Zentralratsvorsitzenden Paul Spiegel wurden derweil weitere Sicherungen erörtert. In dem ruhigen Wohnviertel sind derzeit neben der Fahndung nach den Tätern verstärkte Vorkehrungen angelaufen, die besonders wegen des hohen jüdischen Feiertages Jom Kippur "dem erhöhten Sicherheitsbedürfnis der Gemeindemitglieder" Rechnung tragen sollen.
Vor der Synagoge filmen und fotografieren Polizeibeamte die Einschlagstellen der Brandsätze. Ein Streifenwagen hat sich in der Nähe des Gebetshauses postiert, auf dessen Stufen frische Blumen als Zeichen der Solidarität liegen. In der Straße patrouillieren mehrere Sicherheitsbedienstete der Gemeinde: Sie sind sichtbar angespannt und wiegeln jeden Gesprächswunsch ab.
Auch in den jüdischen Gemeinden anderer nordrhein-westfälischer Städte löste die Schändung der Düsseldorfer Synagoge große Betroffenheit aus. So zeigt sich ein Mitglied der Sicherheitsgruppe der Kölner Synagoge "sehr schockiert". Besonders ältere Menschen hätten vor dem bevorstehenden Jom Kippur große Angst vor weiteren Anschlägen: "Viele Leute werden aus Angst nicht dabei sein." Teilweise werde sogar schon überlegt, die Bundesrepublik zu verlassen, denn "die Menschen sind es leid, solche Meldungen in den Nachrichten zu hören".
"Wir haben keine Angst", sagt hingegen der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde in Essen, Ronny Klein, mit Blick auf die Feiertage am Sonntag und Montag. "Wir sind aber besorgt, weil die rechtsextremistische Bewegung in Deutschland immer brutaler wird." Die Einstellung der Deutschen zum Rechtsextremismus hält er für zu "lasch".
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Münster, Sharon Fehr, befürchtet keine Angriffe auf sein Bethaus. Eine lokale rechtsradikale Szene gebe es nicht. "Für uns in Münster besteht kein akutes Bedrohungspotenzial", sagt Fehr. "Allerdings weiß man ja nie, wer wohin wandert", gibt er zu bedenken.
In der Düsseldorfer Synagoge müssen die Besucher auf Grund der laufenden Spurensicherung den Nebenausgang benutzen. Als eine Mutter ihren Sohn vom Gemeindekindergarten abholt, deutet der Kleine neugierig auf die Polizisten. Als der Junge stehen bleiben will, nimmt ihn die Frau fest an der Hand und geht schnell weiter, ohne einen Blick auf die schwarzen Rußflecken an der Eingangstür des Gemeindehauses zu werfen.
Quelle: Düsseldorf Today
Keine Spur von den Tätern
Mangelte es am Polizeischutz?
Düsseldorf (RP). Die jüdische Synagoge an der Zietenstraße, einen Tag danach - jemand hat versucht, die Rußflecken von der Wand zu waschen, wer nicht genau hinsieht, der wird nicht sehen, dass hier versucht wurde, das G"tteshaus mit drei Molotow-Cocktails anzuzünden. Aber wenn auch der Ruß beseitigt wird - dieser Anschlag hinterlässt Spuren.
Vor allem löste er bereits einen Streit um die Polizei aus. Oberbürgermeister Joachim Erwin hatte bereits am Dienstag, als er an einer spontanen Demonstration vor der Synagoge teilnahm, die Polizei kritisiert. Erwin: "Ich habe immer gedacht, die Synagoge wird rund um die Uhr bewacht!" Das dachten viele - aber es war nicht so. Esra Cohn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, erhob gestern ebenfalls schwere Vorwürfe. Er habe vor wenigen Tagen, kurz vor Beginn der jüdischen Neujahrsfeiern, um stärkeren Schutz gebeten. Das jedoch sei abgelehnt worden. Grund: Kein Anlass.
Die Polizei hat inzwischen auf die Vorwürfe reagiert und sie zurückgewiesen: Das Sicherheitskonzept, über das man Details nicht veröffentlichen wolle, sei mit den Sicherheitskräften der Jüdischen Gemeinde abgestimmt worden. Die Synagoge gelte permanent die zweithöchste Sicherheitsstufe, es könne keine Rede davon sein, man habe die Bewachung wegen personeller Probleme eingeschränkt. In einem Gespräch mit der Rheinischen Post hatte Cohn weiter erklärt, in Berlin und Frankfurt gebe es diesen Rund-um-Uhr-Schutz. Jetzt, nach dem Anschlag in der Nacht zum 3. Oktober, gibt es ihn auch in Düsseldorf.
In der Stadt hat der Anschlag Empörung und Entsetzen ausgelöst. Bereits am Dienstag morgen hatten sich mehrere hundert Demonstranten vor der Synagoge eingefunden, um ihren Protest zu zeigen. "Jeder Anschlag auf eine Synagoge ist rassistisch!" stand auf einem Transparent, Blumen wurden niedergelegt. Ein paar Stimmen: "Ich habe es im Radio gehört. Schrecklich - egal, ob es bei uns gegenüber oder sonstwo passiert." sagte Barbara Degen, die in der Nähe wohnt. Politiker, Sportler, Vertreter des Brauchtums - durchweg reagierten die Menschen mit Entsetzen auf den Anschlag. Und mit Ablehnung.
Bei der Polizei wurde derweil eine Ermittlungskommission zusammen gestellt, die Fahndung leitet Generalbundesanwalt Kai Nehm. Gestern Nachmittag zog er den Fall an sich. Die Düsseldorfer Polizei steht nun unter großem Erfolgsdruck: Bisher ist es ihr noch nicht gelungen, die Hintermänner des Anschlags auf die S-Bahnstation Wehrhahn von Ende Juli zu finden. Dort war seinerzeit eine Handgranate gezündet worden, mehrere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, ein ungeborenes Kind starb. Die Opfer: Durchweg Juden aus der früheren Sowjetunion. Ob die Täter aus rechtsradikalem Hintergrund kommen, ist bis heute unklar.
Von Hans Onkelbach
Quelle: Düsseldorf Today
Vorwürfe mangelnder Polizei-Präsenz ausgeräumt
Jüdische Gemeinde und Polizei wieder auf einer Linie
Düsseldorf (dto). Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Golzheim hatte deren Gemeindevorsteher die mangelnde Überwachung der Synagoge der Polizei kritisiert. Esra Cohn hatte gesagt, die Polizei habe es aus Personalmangel abgelehnt, die Synagoge rund um die Uhr zu bewachen, obwohl es in Berlin und Frankfurt einen 24-Stunden-Dienst der Polizei gebe. Die Polizei hatte die Vorwürfe zurückgewiesen, musste allerdings einräumen, dass zum Zeitpunkt des Anschlages tatsächlich keine Beamten vor Ort waren. Um den Streit beizulegen hat es am Donnerstag ein gemeinsames Gespräch im jüdischen Gemeindezentrum gegeben. An dem Gespräch hat auch der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, teilgenommen.
Die stellvertretende Polizeipräsidentin Doris Eberhardt hat in dem Gespräch die Kritik der jüdischen Gemeinde erneut zurückgewiesen. "Personalknappheit in Fragen der Sicherheit für die jüdische Gemeinde hat in der Vergangenheit keine Rolle gespielt und dies wird auch zukünftig so sein." In einer gemeinsamen Erklärung nach dem Treffen heißt es, der Vorstand der Gemeinde und die Polizei seien sich sich einig, "die bisherige, jahrelange vertrauensvolle Zusammenarbeit fortzusetzen und zu verstärken. " Völlig unstrittig sei, dass das erhöhte Sicherheitsbedürfnis der Gemeindemitglieder, gerade nach dem Anschlag, eine besondere Bedeutung habe.
Offenbar ist es aber bei den Absprachen für die Sicherungsmaßnahmen aus Anlass des jüdischen Neujahrsfestes Anfang der Woche "zu vermeintlichen Missverständnissen gekommen". Die künftigen Schutz- und Sicherungsmaßnahmen für die Zukunft seien jetzt aber einvernehmlich erörtert worden. Einzelheiten dazu wollten beide Seiten allerdings nicht nennen.
Spiegel dennoch besorgt um Sicherheit jüdischer Gemeinden
Die Sicherheit für Juden in Deutschland ist nach Ansicht von Zentralratspräsident Paul Spiegel nicht gewährleistet. Spiegel forderte am Mittwochabend im ZDF die Politiker angesichts der Serie von Anschlägen - auf die Düsseldorfer Synagoge und Gedenkstätten an den Holocaust - zum Handeln auf.
Auch Innenexperten von SPD und Union werteten die Anschlagserie als eine bedrohliche Situation. Am Mittwoch hatte Generalbundesanwalt Kay Nehm die Ermittlungen an sich gezogen. Die Gewalttat sei geeignet, unter den in Deutschland lebenden jüdischen Mitbürgern ein Klima der Angst und Einschüchterung zu erzeugen und bei ihnen den Eindruck entstehen zu lassen, sie könnten in Deutschland nicht sicher leben, sagte Nehm in Düsseldorf. Sie sei daher "bestimmt und geeignet, die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen". Außerdem rechtfertige die hohe Aufmerksamkeit, mit der das Ausland auf die Reaktionen der Bundesrepublik auf solche Taten achte, das Einschreiten des Generalbundesanwalts.
Quelle: Düsseldorf Today
Spiegel: Aufbau jüdischer Gemeinden war richtig
Düsseldorf (dpa/lnw) - Angesichts der jüngsten antisemitischen Übergriffe hat der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, der deutschen Demokratie sein Vertrauen ausgesprochen. "Ich bin - trotz allem - nach wie vor der festen Überzeugung, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist", sagte Spiegel am Donnerstag im Deutschlandfunk.
Der überwiegende Teil der Reaktionen auf diese Vorfälle veranlasse ihn zu der "Zuversicht, dass es richtig ist, dass wir in Deutschland jüdische Gemeinden aufgebaut haben", meinte Spiegel weiter. Allerdings müsse es auch erlaubt sein zu überlegen, was noch passieren müsse, bis man dies in Frage stelle.
Spiegel forderte, es müsse "ein Ruck durch die Bevölkerung gehen", damit deutlich werde, dass die Mehrheit die Präsenz der jüdischen Gemeinden wolle. Bis zu einem normalen Zusammenleben zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung werde noch einige Zeit vergehen.
Bin teils missverstanden worden
Bei seiner in der Öffentlichkeit heftig diskutierten Frage nach dem Sinn und der Zukunft jüdischer Gemeinden in Deutschland angesichts jüngster antisemitischer Anschläge fühlt sich Spiegel teils falsch verstanden. "Ich bin insofern missverstanden worden, dass ich nicht die Existenz jüdischen Lebens jetzt in Deutschland in Frage gestellt habe", sagte Spiegel am Donnerstag in einem dpa-Gespräch.
Vielmehr habe er gefragt, "was muss, was kann, was darf noch passieren, damit wir nicht eines Tages überlegen müssen, ob es richtig war, hier wieder jüdische Gemeinden aufzubauen", sagte der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Dabei sei er unmittelbar nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge und der Schändung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald von den Medien verkürzt zitiert worden, erklärte Spiegel: "Und außerdem ist das Fragezeichen übersehen worden."
Er habe immer wieder darauf hin gewiesen, dass die Zuwanderung von Juden nach Deutschland ein Beweis für das Vertrauen in die Demokratie der Bundesrepublik sei.
Doch ob die derzeit über 80 000 Gemeindemitglieder und ihre Nachkommen in Deutschland eine Zukunft haben, hänge mehr von der nicht-jüdischen als von der jüdischen Bevölkerung des Landes ab, betonte Spiegel.
"Sehr beeindruckt" zeigte sich Spiegel vom "breiten Zuspruch" vieler Bürger, den der Zentralrat nach den "erneuten scheußlichen Vorkommnissen" erhalten habe. Nicht zuletzt diese positiven Reaktionen von Politikern ebenso wie von "normalen" Bürgern hätten gezeigt "wie richtig und wie wichtig" der Aufbau jüdischen Lebens in Nachkriegsdeutschland war, unterstrich der Zentralratspräsident.
Zur scharfen Kritik des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, mit seiner Frage habe er der Rechten "Steilpässe für weitere Gewaltakte" geliefert, meinte Spiegel: "Unsere Feinde, die uns hier nicht haben wollen, brauchen dazu nicht meine Argumentationshilfe". Namhafte Vertreter des jüdischen Lebens in Deutschland hatten für die Skepsis des Zentralratspräsidenten Verständnis gezeigt. Der Kölner Schriftsteller Ralph Giordano hatte vor Kritik an Spiegel gewarnt und gefordert, vielmehr danach zu Fragen, was "einen Mann des Ausgleiches" zwischen Juden und Nicht- Juden zu dieser Sicht bringen könne.
Quelle: Düsseldorf Today
Anschlag auf Synagoge:
Schutz für Menschen und Haus verbessern
Von Tanja Wolf
Düsseldorf. Schadensbegrenzung drei Tage nach dem Brandanschlag auf die Synagoge an der Zietenstraße: Seit Donnerstag Vormittag sind Vertreter der Polizei in der jüdischen Gemeinde zu einem Gespräch zu Gast. Thema: den Schutz für das Haus und die Menschen verbessern. Innenminister Fritz Behrens hatte direkt nach der Tat eine 24-stündige Polizeipräsenz angeordnet.
Die FDP nannte es einen Skandal, dass die Synagoge in letzter Zeit nicht besser bewacht wurde. Auch die Grünen fragen kritisch, warum nach den Vorfällen zuvor nicht reagiert wurde. Polizei und Jüdische Gemeinde wollen am Donnerstag dazu eine Erklärung abgeben.
Der Rabbiner Michael Goldberger hat allerdings schon darauf hingewiesen, dass es mit einem Polizeiwagen vor der Tür allein nicht getan ist, sondern dass ein Umdenken nötig ist: "Wir werden uns erst sicher fühlen, wenn wir diesen Schutz nicht mehr brauchen.
"Die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf ist mit mehr als 5000 Mitgliedern eine der größten in Deutschland und hat heute mehr Mitglieder als 1933. Der enorme Zuwachs begründet sich vor allem in der Zuwanderung aus Osteuropa. Es gibt, einen jüdischen Kindergarten, eine Grundschule und ein Altenheim, das Nelly-Sachs-Haus. Die Synagoge an der Zietenstraße wurde 1957 gebaut und hat 450 Plätze. Die alte Synagoge stand an der Kasernenstraße, sie ging 1938 in Flammen auf.
An einen Zuwachs glaubte bis 1990 eigentlich niemand mehr. Die Zahl der Juden in Düsseldorf lag nur selten über 1500, der Gemeinde fehlte der Nachwuchs.
Nach dem feigen Brandanschlag in der Nacht zu Dienstag fehlt weiterhin von den Tätern jede Spur. Der Düsseldorfer Appell lädt am Donnerstag von 17.30 bis 19 Uhr zu einer Mahnwache vor der Synagoge auf.
Quelle: Wz Online
Anschlag auf Synagoge:
"Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat"
Von Tanja Wolf
Düsseldorf. Die Täter kamen um 23.47 Uhr. Sie packten einen weißen Kalksandstein, warfen ihn über den Zaun auf die Eingangstür. Er prallte ab am schusssicheren Glas, dann flogen zwei oder drei Molotowcocktails hinterher. Kaum jemand hat die Täter gesehen, die Videokamera der Jüdischen Gemeinde filmt aus Datenschutzgründen nur den Eingang, nicht die Straße. So ist auf dem Film nur sie zu sehen: die mutige Nachbarin (31), die die Flammen sah, über den zwei Meter hohen Zaun kletterte und das Feuer austrat. Sie möchte anonym bleiben.
Trotz einer Fahndung mit bis zu 100 Beamten fehlt von den Tätern bislang jede Spur. Zwei Ratinger Jugendliche waren mit Hakenkreuzen an der Jacke und Petroliumgeruch am Vogelsanger Weg gefasst worden. Doch gegen sie wird wegen anderer Delikte ermittelt, unter anderem wegen Diebstahls. Doch nun baut sich eine breite Front auf: Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen an sich gezogen, und am Mittwoch verurteilte die versammelte Spitze der Politik das feige Verbrechen:
Am Medienauflauf auf der Zietenstraße in Golzheim und an den großen schwarzen Limousinen samt Männern mit Knopf im Ohr war klar zu erkennen: der Kanzler kommt.
Betroffen nahm Gerhard Schröder den immer noch leicht rußgeschwärzten Tatort in Augenschein. An seiner Seite hochkarätige Unterstützung: Innenminister Otto Schily, Ministerpräsident Wolfgang Clement und Regierungspräsident Jürgen Büssow - sie alle kamen. Paul Spiegel dankte für den Beweis der Politik, "dass sie an unserer Seite steht".
Nicht so eindeutig war offenbar der Schutz durch die Polizei. Die Synagoge wurde schon lange nicht mehr durchgängig bewacht. Nach dem Anschlag an der Ackerstraße hatte Vorsitzender Esra Cohn um mehr Schutz gebeten, auch weil am Wochenende das jüdische Neujahrsfest gefeiert wurde. "Doch es hieß, das sei nicht nötig. Muss denn immer erst etwas passieren?"
Die Polizei weist das zurück: "Wir haben das nicht vernachlässigt. Man sieht uns auch nicht immer", so Sprecher Lothar Sprick. Die Bombenattrappe, die Paul Spiegel vorige Woche im Büro erhielt, sei kein Indiz für einen solchen Anschlag gewesen. Im Paket stand: "Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat".
Quelle: Wz Online
Anschlag auf Berliner Synagoge mit Steinwürfen
Erneut jüdische Einrichtungen geschändet
Berlin (dpa). Bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Berlin-Kreuzberg haben Unbekannte in der Nacht zum Freitag mit vier Pflastersteinen zwei Fensterscheiben des jüdischen Bethauses eingeworfen. Wie die Polizei ferner mitteilte, wurden außerdem auf der Rückseite eines Gedenksteins Farbschmierereien "nicht erkennbaren Inhalts" gefunden. Das Bethaus sei nur "sporadisch überwacht" worden, sagte ein Polizeisprecher. Einzelheiten der Sicherheitsmaßnahmen würden nicht genannt.
Die Synagoge am Fraenkel-Ufer war 1916 eingeweiht und in der Reichspogromnacht 1938 niedergebrannt worden. Der Anschlag müsse sich in der Zeit von 02.18 Uhr und 03.00 Uhr ereignet haben, erklärte die Polizei. Entdeckt wurde der Schaden bei einem Kontrollgang um 03.00 Uhr. Von den Tätern fehle jede Spur. Die Ermittlungen dauern an.
Bild: rp online
Die beiden beschädigten Fenster des Sakralraums befinden sich auf einer Gebäudeseite zu einem Gehweg. Dieser wird durch einen Zaun vom Gebäude getrennt. Die beiden Fenster, die dem Gehweg am nächsten sind, wurden von den Steinen getroffen. Dabei wurde die schützende erste Glasscheibe eingeworfen und das dahinter liegende Buntglasfenster beschädigt.
Vertreter mehrerer Parteien wollen an diesem Freitag mit dem Besuch eines Sabbat-G"ttesdienstes ein Zeichen der Solidarität setzen. Grünen-Chefin Renate Künast, FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle und die Berliner PDS-Landeschefin Petra Pau hatten am Donnerstag den Besuch der Synagoge in der Pestalozzistraße in Berlin- Charlottenburg angekündigt.
Bereits in den vergangenen Tagen hatte es mehrere antisemitische Übergriffe gegeben. Auf die Düsseldorfer Synagoge war in der Nacht zum Dienstag ein Brandanschlag verübt worden. Am Donnerstag wurden rassistische Schmierereien auf dem jüdischen Friedhof in Potsdam bekannt.
Berlin hat heute wieder die größte jüdische Gemeinde Deutschlands. Lebten vor 1933 etwa 170.000 Juden in Berlin, waren es nach dem Krieg lediglich noch 500. Durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder in den vergangenen zehn Jahren auf heute 12.000.
Quelle: Rp Online
Anschlag auf Berliner Synagoge
Berlin (dpa) - Die Serie von Anschlägen auf jüdische Einrichtungen oder Gedenkstätten reißt nicht ab. In der Nacht zum Freitag warfen Unbekannte Steine auf eine Synagoge im Berliner Bezirk Kreuzberg. Zwei Fensterscheiben im Eingangsbereich wurden zerstört, und auf der Rückseite einer Gedenktafel vor dem Gebäude wurden Graffiti- Schmierereien entdeckt, teilte die Polizei mit. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, reagierte fassungslos. «Wir sind entsetzt und bestürzt», sagte Nachama der dpa. «Nachdem schon alles gesagt worden war, auch vom Bundeskanzler, fehlen einem jetzt wirklich die Worte.»
Vertreter mehrerer Parteien wollten am Freitagabend mit dem Besuch eines Sabbat-G"ttesdienstes ein Zeichen der Solidarität setzen. Grünen-Chefin Renate Künast, FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle und die Berliner PDS-Landeschefin Petra Pau hatten den Besuch einer Synagoge im Berliner Bezirk Charlottenburg angekündigt. Westerwelle forderte im «Offenburger Tageblatt» (Freitag): «Der Rechtsstaat muss auf Angriffe schnell und hart reagieren.» Die Devise sei «Recht gegen Rechts».
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, verurteilte die jüngsten antisemitischen Vorfälle. Sie bedeuteten eine «Steigerung der abscheulichen Qualität», mit der Juden und andere in Angst und Schrecken versetzt würden, sagte der Mainzer Bischof im DeutschlandRadio. Lehmann plädierte für eine breite Aufklärung - vor allem in den Schulen - als Mittel gegen rechte Gewalt.
Der Verfassungsschutz warnt nach einem Bericht der «Bild»-Zeitung vor neuen Bedrohungen durch rechtsextremistische Gewalttäter. Ein interner Lagebericht des Kölner Bundesamtes sehe «Ansätze für eine terroristische Bedrohung». Die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten in Deutschland sei auf 9 000 gestiegen. Nur rund 20 Prozent der gewalttätigen Neonazis seien arbeitslos - der Rest gehe zur Schule oder habe einen festen Job.
Bereits in den vergangenen Tagen hatte es mehrere antisemitische Übergriffe gegeben. Auf die Düsseldorfer Synagoge war in der Nacht zum Dienstag ein Brandanschlag verübt worden. Am Donnerstag wurden unter anderem rassistische Schmierereien auf dem jüdischen Friedhof in Potsdam bekannt. Die größte jüdische Gemeinde Deutschlands hat heute Berlin. Dort lebten vor 1933 etwa 170 000 Juden, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nur noch 500. Durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder in den vergangenen zehn Jahren auf jetzt 12 000.
Quelle: WZ Online
