Anschläge auf Synagogen in Deutschland
Hamburg (dpa). Jüdische G"tteshäuser sind auch im Nachkriegsdeutschland immer wieder Ziele rechtsextremistischer Anschläge:
02.10.2000 - Auf eine Synagoge in Düsseldorf wird in der Nacht zum Tag der Deutschen Einheit mit zwei Molotowcocktails ein Brandanschlag verübt. Bei dem Anschlag kurz vor Mitternacht entsteht geringer Sachschaden, Menschen werden nicht verletzt. Die Polizei nimmt zwei Jugendliche als mutmaßliche Täter fest.
20.04.2000 - Am Tag des Hitler-Geburtstages schleudern Rechtsradikale Molotowcocktails auf die Synagoge in der Erfurter Innenstadt. Anwohner löschen die brennende Lunte eines Sprengsatzes, bevor ein Schaden entstehen kann. Ein weiterer Brandsatz wird erst eine Woche später auf dem Dach des G"tteshauses gefunden. Die Haupttäter, ein 18- und ein 17-Jähriger, werden im Juli zu Jugendstrafen von drei Jahren beziehungsweise zwei Jahren und drei Monaten verurteilt.
07.05.1995 - Einen Tag vor dem 50. Jahrestag des Kriegsendes in Europa wird ein Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge verübt. Ein an das G"tteshaus grenzender Schuppen brennt aus; es entsteht ein Sachschaden von 20 000 Mark. Die ohne Hinweise auf mögliche Täter gebliebenen Ermittlungen werden im August 1997 eingestellt.
25.03.1994 - Bei einem Brandanschlag auf die Synagoge in Lübeck entsteht ein Sachschaden von etwa 150 000 Mark. Fünf im oberen Stockwerk des Hauses schlafende Menschen können gerettet werden. Fünf Wochen später werden vier junge Rechtsextreme als Tatverdächtige festgenommen und im April 1995 zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren verurteilt.
Quelle: Düsseldorf Today
Über 1000 Grabschändungen seit 1945 registriert
Essen (NRZ). Der Brandanschlag auf die Synagoge in Düsseldorf, der zweite seiner Art nach einem fast deckungsgleich abgelaufenen Anschlag auf das jüdische G"tteshaus in Erfurt am 20. April dieses Jahres ist vieles - beispiellos für die zunehmende Gewalt gegen Sachen und Symbole des jüdischen Lebens in Deutschland ist er nicht.
Kaum ein Monat vergeht, an dem nicht irgendwo jüdische Friedhöfe geschändet, Grabsteine zerstört und mit rassistischen Parolen besudelt werden. Dem Historiker Adolf Diamant aus Frankfurt ist es zu verdanken, dass seit kurzem das wahre Ausmaß dieser Form von Hass gegen Minderheiten offenbar geworden ist. Diamant weist in seinem vor wenigen Tagen im Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien der Uni Potsdam vorgestellten Buch akribisch nach, dass der doppelte Tabubruch (Antisemitismus und Verbrechen gegen die Totenruhe) in Deutschland eine lange, eine unselige Tradition hat.
Eine erschreckende Zahl vorweg: Seit 1945, seit Ende der Shoah wurden in Deutschland über 1000 Schändungen jüdischer Friedhöfe verübt. Und die Tendenz steigt - von durchschnittlich jährlich 18 Übergriffen kurz nach Kriegsende auf cirka 40 in den 90-er Jahren.
In mühevoller Detailarbeit hat Diamant Fall für Fall untersucht. Und ist dabei auf Details gestoßen, die Fachleute "beängstigend" nennen. Vielleicht allen voran dieses: Wann immer der Holocaust in den öffentlichen Blickpunkt geriet, nahmen die Übergriffe spürbar zu. So war es Mitte der 60-er Jahre, zu Zeiten des Ausschwitz-Prozesses. So war es 1978, als die bemerkenswerte US-Fernsehserie "Holocaust" die Gemüter bewegte und ein lange verdrängtes Kapitel zurück auf die Tagesordnung holte.
Diamant hat darüber hinaus herausgearbeitet, was in der Ökumene bislang keine sonderliche Rolle spielt. Wenn jüdische Friedhöfe heimgesucht werden - es gibt in Deutschland rund 1500 - , sind die Verwüstungen in der Regel größer und brutaler als auf christlichen G"ttesäckern. Der Autor führt dies unter anderem darauf zurück, dass die meist außerhalb urbaner Zentren liegenden jüdischen Friedhöfe Attentätern die Schandtaten erleichterten.
Bedrückt und zwischen den Zeilen erbittert stellt Diamant fest, dass lediglich ein Drittel der Täter ermittelt und abgeurteilt wird. Als bezeichnende Beispiele dafür dürften hier der Bombenanschlag auf das Grab des früheren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, im Dezember 1998 und die Schändung von 103 Gräbern auf dem größten jüdischen Friedhof Europas in Berlin-Weißensee vor gut einem Jahr gelten.
In beiden Fällen, die in der jüdischen Gemeinde Angst, Schrecken und Wut ausgelöst haben, sind die Ermittlungen der Behörden ohne konkrete Resultate eingestellt worden.
Dirk Hautkapp
Quelle: NRZ Online
